Die Dorfrepublik Rüterberg

Ein Dorf im Grenzstreifen der DDR forderte Unabhängigkeit

18.06.2009 Harald Rossa

Ein kleines Dorf war Rüterberg nur noch 1989. Zwischen zwei Zäunen waren die Bewohner eingesperrt. Daher reklamierten sie ihre Eigenständigkeit.

Auf dem Geesthang des Rüterbergs liegt an der Elbe die Ortschaft Rüterberg in einer naturnahen Umgebung. Vom Strom aus ist das Dorf nicht zu übersehen.

Die Elbe als Grenze

Die Elbe war zwischen Schnackenburg im Osten und Lauenburg im Westen auf 98 Stromkilometer die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten. Im Grenzgebiet direkt an der Elbe lag das Dorf Rüterberg-Broda.

Mit der Sicherung der Grenze ab 1952 begann für die Bewohner von Rüterberg-Broda die Zeit des Grenzregimes. Am 6. Juni 1952 mussten bereits mehrere Familien im Rahmen der „Aktion Ungeziefer“ ihre Häuser verlassen und wurden zwangsweise umgesiedelt.

Im Zuge der „Aktion Festigung" wurden am 3. Oktober 1961 etliche Grundstücke eingeebnet und die Grenzbefestigungen ausgebaut. Schließlich wurde das Dorf dann 1967 durch einen zusätzlichen Grenzzaun vom Rest des Grenzgebietes und der DDR abgetrennt. Der Ort war dann nur durch ein von Grenzposten bewachtes Tor erreichbar. Und das auch nicht immer. Denn von 22:00 Uhr bis 5:00 Uhr war dieser Zugang verschlossen und von den Grenztruppen bewacht. Hundelaufanlagen und Signaleinrichtungen sicherten den Ort zusätzlich.

1981 wurde der Ortsteil Broda mit zwei Ziegeleien, einem Sägewerk und Wohngebäuden dem Erdboden gleich gemacht. Nur ein Gebäude als Stützpunkt für die Grenztruppen wurde errichtet.

Die Erschwerung des Lebens in dem Dorf führte zum massiven Fortzug der Bewohner. Die Einwohnerzahl hatte sich zwischen 1961 und 1989 von einst 300 auf 150 halbiert.

Die Dorfrepublik Rüterberg

Am 24. Oktober 1989 beantragte Hans Rasenberger eine Einwohnerversammlung für Rüterberg. Die zuständigen Stellen genehmigten diese Versammlung für Mittwoch, den 8. November 1989. 90 Einwohner von Rüterberg versammelten sich um 19:30 Uhr im Gemeindehaus. Ein Vertreter des Rates des Kreises Ludwigslust, ein höherer Offizier der Grenztruppen und der Leiter des Volkspolizeikreisamtes saßen ebenfalls im Saal.

Hans Rasenberger unterbreitete den Vorschlag, in Rüterberg zukünftig nach der Urform der schweizerischen Demokratie abzustimmen, um so eigene Gesetze für das Dorf zu schaffen. „Wer für die Dorfrepublik Rüterberg ist, hebe die Hand", rief er den Bewohnern von Rüterberg zu. Und alle 90 anwesenden Bewohner hoben die Hand. Einstimmig sprachen sie sich für die Dorfrepublik aus. Die Bürger zwischen den Zäunen wollten mit dem Begriff Dorfrepublik auf sich aufmerksam machen und zeigen, wo und wie sie mit dem Grenzregime der DDR leben mussten.

Ob Zufall der Geschichte oder weil das Ende der Grenzregimes kommen musste: Bereits am nächsten Abend fiel die deutsch-deutsche Grenze. Die einseitige Proklamation der Dorfrepublik musste mit den Organen der DDR nicht mehr diskutiert werden – und wurde die Aktion 1991 durch den Innenminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern teilweise anerkannt. Der verlieh der Gemeinde Rüterberg das Recht, künftig die Bezeichnung „Rüterberg Dorfrepublik 1967-1989“ führen zu dürfen.

Rüterberg heute

Inzwischen ist Rüterberg über die Grenzen der kleinen Dorfrepublik hinausgewachsen. Neue Wohnhäuser und Straßen wurden gebaut. Zum 10. Jahrestag der „Dorfrepublik Rüterberg“ wurde im Ort eine Heimatstube eingerichtet. Dort können Besucher die „Sammlung zum Leben in einem Grenzdorf – nicht nur der „Dorfrepublik Rüterberg“ betrachten und viel aus dem alltäglichen Leben in der DDR erfahren. Geblieben ist das eiserne Grenztor aus der Zeit der DDR. Mit einem Gedenkstein, einer Informationstafel und ständiger Beflaggung erinnert es nachdrücklich an die Zeit der Teilung Deutschlands Und so ist Rüterberg noch immer für Menschen aus aller Welt ein besonderer Anziehungspunkt, an dem an das Leben an der innerdeutschen Grenze erinnert wird.

Mit der kommunalen Neugliederung im Jahr 2004 wurde Rüterberg zum Ortsteil der Stadt Dömitz.

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